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Das Erlebnispädagogische Konzept nach Kurt Hahn

Hahn, der von 1886 bis 1974 lebte, war eher Pädagoge als Humanist. Vor allem aber war er ein Pragmatiker, der versuchte seine Ziele umzusetzen. Dabei war sein Ziel die Erziehung und charakterliche Formung von Menschen. Die Formung hielt er für nötig, da er zunehmende Mangelerscheinungen der Gesellschaft feststellte und gleichzeitig mit Lietz die mangelnde Charakterausbildung des staatlichen Schulwesens kritisierte.

Er beklagte namentlich die folgenden vier Punkte:
  • Mangel an menschlicher Anteilnahme: Er bemängelte, dass in Folge von Stress und des modernen Lebens eine Oberflächlichkeit herrscht, die den Menschen gleichgültig werden lässt. Diese Schnelllebigkeit führt zu einer Anonymität, die es erlaubt nicht hin zu sehen, was gleichbedeutend mit dem Verlust der persönlichen Verantwortung ist. Hahn nannte das „den Feind des guten Willens“.
  • Mangel an Sorgsamkeit: Der zunehmende Verlust an Konzentration, Ausdauer und Kreativität geht einher mit dem Verlust des praktischen-handwerklichen Könnens.
  • Mangel an körperlichen Tauglichkeit: Wiederum ist das moderne Leben der Auslöser dieser Mangelerscheinung. Deutlich werden die Symptome durch Verweichlichungstendenzen (ursprünglich von Konrad Lorenz), unnatürliche Lebensweise und mangelnde Disziplin gegenüber Rauschmitteln.    
  • Mangel an Initiative und Spontaneität: Durch die mangelnde Möglichkeit Erfahrungen zu sammeln, wird das Handlungs- und Erlebnisfeld gravierend eingeschnitten. Gleichzeit nimmt die Reizüberflutung durch Medien zu. Hahn nannte dies die „Spektatoritis“. Es umschreibt das Fehlen sozialer Erfahrungen wodurch gleichzeitig das Erfahren aus zweiter Hand steigt.
Gegen diese Mangelerscheinungen gab es nach Kurt Hahn ein Heilmittel, nämlich die Erlebnistherapie (deutlich zeigt sich sein Hang zu medizinischen Umschreibungen). Der Kern dieser Erlebnistherapie, oder wie es heute heißt, dem outdoor/wilderness-experience, dem challenge program, dem outdoor-training, dem outward bound*1) oder der Erlebnispädagogik, ist ein kurzeitpädagogisches erlebnisorientiertes naturbezogenes Konzept. Hahn, dessen Freund Hold - Reeder war und der ihn stark beeinflusst hat, gab diesem Programm den Namen „Outward-Bound“. Ein Begriff aus der Seefahrt, der den Zustand eines Schiffes beschreibt, das mit allem notwendigen Material und Wissen ausgerüstet ist um auf Große Fahrt zu gehen. Hahn nutze diese Umschreibung als Synonym für die Vorbereitung junger Menschen auf die Große Fahrt ins Leben.

Zur Vorbereitung nutze Hahn verschiedene Elemente der Charakterbildung, die er nicht erfunden hat, wohl aber in ein sinnvolles Konzept integrierte. Dieses Konzept umfasst vier Einzelelemente, wobei diese nicht substituiert werden können, sondern gleichwohl alle notwendig sind:
  • Körperliches Training: Hahn nutzt das körperliche Training zur Selbstentdeckung, dem Auseinandersetzen mit den eigenen Grenzen und der Selbstüberwindung. Er wollte keine Spitzenleistungen fördern sondern einen allgemeinen Grad an Fitness erreichen. Hierbei orientierte er sich an dem schwächsten Mitglied der Gruppe.
  • Expedition: Die Expedition stellt eine mehrtägige Herausforderung dar, bei dem das Medium Natur im Vordergrund steht. Hierbei ist der Teamgeist ebenso erforderlich wie das Alleinsein. Sinn ist es u. a. zu erfahren, welchen Stellenwert der Mensch in der Natur hat.
  • Projekt: Hierbei verfolgt Hahn einen ganzheitlichen Ansatz. Zum einen zeichnet sich ein Projekt aus dem Planen, Durchführen und Kontrollieren aus, zum anderen aus dem Ansprechen verschiedener Sinnesbereiche um die Intensität der Erfahrungen zu erhöhen. Dazu zählt der kognitive, der affektive und der psychomotorische Bereich (salopp: mit Kopf, Herz und Hand). Das erwähnte ganzheitliche Durchführen beinhaltet implizit, dass ein Projekt als abgeschlossene Einheit definiert wird. Das Ergebnis soll deutlich als solches erkennbar sein und der Gruppe zugeordnet werden können.
  • Dienst am Nächsten: Damit stellt Hahn fest, dass die Pädagogik der Friedenserziehung ein großartiges Feld ist um Erfahrungen zu sammeln. Dabei stellte er folgende Thesen auf:
    1. Retten zeigt die stärkste Dynamik, nicht der Krieg.
    2. Retten befriedigt den Drang, sich zu bewähren.
    3. Junge Menschen sind lebhafter als Erwachsene.
    4. Heranwachsenden muss ein Aktionsfeld geboten werden.
In neuerer Zeit wurde das Konzept um ein fünftes Element erweitert, nämlich der Selbstzucht, womit der Verzicht auf Alkohol oder Nikotin gemeint war. Durch diese Elemente verfolgte Hahn definierte Ziele. Er wollte Jugendliche durch die Herausforderung motivieren. Sie sollten erkennen, welche Fähigkeiten in ihnen stecken und den sozialen Umgang mit Menschen erlernen. Dabei wollte er möglichst viele Jugendliche erreichen. Bei der Realisation versuchte er die persönlichkeitsbildende Wirkung der Landerziehungsheime (Short-Term-School) zu nutzen.

Was zeichnet das Hahn´sche Konzept aus?


Zum einen sind es die ausgewogenen Komponenten des Konzepts:
  • Erlebnis und die damit verbundene Selbsterfahrung: Hahn nutzte den hohen Lernwert des Faktors Erlebnis, wobei er sich das Motto „verstehen ist nicht ohne Erleben wirklich“ (vivens sum) zum Leitspruch machte. Er ging davon aus, dass die Erlebnisintensität eng mit dem Erinnerungseffekt verbunden ist. Das heißt, je tiefgreifender das Erlebnis, desto größer der Erinnerungseffekt, desto größer der Lerneffekt. Die Aktion und die darauffolgende Reflexion führt dabei zur Bewusstseinsänderung. Weiterhin ist davon auszugehen, dass Erfahrung Sicherheit gibt. Diese Sicherheit bezieht sich zum einen darauf, dass auf einen Erfahrungsschatz bezüglich der erlebten Situation zurückgegriffen werden kann. Des weiteren wirkt sich diese Erfahrung auch auf eine bessere Selbsteinschätzung aus.
  • Gemeinschaft: Zielsetzung eines mehrtägigen Programms ist es, ein Team zu werden. Dabei wird der soziale Umgang geschult, Verantwortung und Vertrauen wird gegeben und erfahren, Sozialisationseffekte der Gruppe genutzt (eine Gruppe kann sich selbst erziehen).
  • Natur: Die Natur als vollkommene Ernstsituation. Hier ist nichts simuliert, sondern jedes Verhalten muss bewusst ausgeführt werden. Die Umgebung stellt dabei eine perplexe Situation dar, die neuartig, unvertraut und zunächst unmöglich erscheint. Die Natur wird zum Lernmedium und Raum, um sich zu bewegen und zu handeln. Die Natur bietet dazu die notwenige Authentizität, die bei jeglichem Tun und Handeln die notwendige Ernsthaftigkeit fordert.
Zum anderen sind es aber die zunehmend wichtiger werdenden Schlüsselqualifikationen, die das Konzept auszeichnen:
  • individuelle: Eigeninitiative, Selbstvertrauen, Selbstreflexion, Körpererfahrung, Ausdauer, Selbstwertgefühl, Selbstachtung, Umgang mit Ängsten, eigene Grenzen kennenlernen und u. a. Kreativität
  • soziale: Teamfähigkeit, Kooperation, Kommunikation, Konfliktfähigkeit, Verantwortung, Lernen voneinander und miteinander, Rücksichtnahme und u. a. Vertrauen
  • materielle: Erste Hilfe, Segeln, Bergsteigen oder handwerkliche Fähigkeiten
Durch die wachsende Forderung der Gesellschaft und der Industrie nach Handlungsorientierung, Ganzheitlichkeit, Lernen durch die Sinne, lebenslanges Lernen, intensives Lernen und Schlüsselqualifikationen erscheint das Hahn´sche Konzept aktueller und gefragter denn je.

Bei der Umsetzung dieses äußerst anspruchsvollen Konzepts ist folgendes zu beachten. Hahns oberste Prämisse stellt die „challenge by choice“ - die Freiwilligkeit der Teilnahme dar. Die damit einhergehende Selbstbestimmung ist wesentlicher Bestandteil und wichtigstes pädagogisches Instrument. Die Erlebnispädagogik stellt auch kein Abenteuerprogramm dar, bei der die Stressstabilität auf die Probe gestellt wird. Es handelt sich bei diesem Konzept nicht um einen Erlebnisparcours, sondern um ein pädagogisches Konzept, das sich lediglich das Erlebnis zu Nutze macht.

*1) der Begriff outward-bound ist mittlerweile ein eingetragenes Warenzeichen der Deutschen Gesellschaft zu Europäischen Erziehung (DGEE), wodurch die Pädagogik im allgemeinen eines sinnbildlichen und praxisbezogenen Begriffs beraubt wurde.



Literaturtipps:
  • Heckmeier, Bernd / Michl, Werner: Erleben und Lernen - Einstieg in die Erlebnispädagogik, Luchterhand 1993
  • Heckmeier, Bernd / Michl, Werner et. al: Erlebnispädagogik: Mode. Methode oder mehr? IN: Soziale Arbeit in der Wende, Band 12
 
Buchtipp:
        Aktion und Refelxion sind die Säulen der Erlebnispädagogik und das will
        gelernt sein. Dieses Buch bietet Hinweise und Techniken sowie
        grundlegende Konzepte um Erfahrungen aufzuarbeiten.         Dieses Buch thematisiert sowohl die psychischen als auch die technischen
        Absicherungen zum Schutz der Teilnehmer und der Verantwortlichen.